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Die Geschichte der Gemeinde von ihren Anfängen bis heute

Chanukka im Ariowitsch-Haus
Chanukka im Ariowitsch-Haus, 2012 © Foto: Silvia Hauptmann

Eine erste jüdische Gemeinde gab es in der Handelsstadt Leipzig bereits im Mittelalter. So wird im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts sowohl die Gemeinde als auch eine Synagoge erwähnt. Die Judenordnung des Markgrafen von Meißen von 1265 fordert, dass die jüdische gegenüber der christlichen Bevölkerung in der landesherrlichen Rechtssprechung nicht benachteiligt werden darf.

Obwohl während der Pestepidemie 1348-1350 Jüdinnen und Juden der Brunnenvergiftung verdächtigt wurden, ist für Leipzig – im Gegensatz zu anderen meißnischen Städten – keine Judenverfolgung nachweisbar. 1359 wird eine „Judengasse“ in der Ranstädter Vorstadt erwähnt, 1364 ein Rabbiner. Die Judenordnung von 1368 erneuerte die juristische Gleichberechtigung. Im Jahr 1425 stellte der eben zum Kurfürsten von Sachsen ernannte Friedrich I. (1370-1428) einen Schutzbrief für alle Leipziger Jüdinnen und Juden aus. In der Mitte der 1440er Jahre erlosch die erste jüdische Gemeinde in Leipzig, nachdem die Synagoge schon 1441 verkauft wurde.

Dennoch gab es in den folgenden Jahrhunderten noch reges jüdisches Leben in Leipzig, das sich aber vor allem auf die Zeit der dreimal im Jahr stattfindenden Messen beschränkte. Nach dem Abriss der Judengasse wegen Baufälligkeit zogen die jüdischen Kaufleute vor allem in den Brühl. Für das Haus Nr. 728 (auf dem heutigen Grundstück Brühl 68) ist erstmals 1673 der Name „Judenherberge“ nachweisbar. Allerdings war es seit der Reformation allen Personen, die sich nicht zum evangelisch-lutherischen Glauben bekannten, verwehrt, Bürger_innen der Stadt zu werden und sich damit dauerhaft niederzulassen. Die „Messjuden“ unterhielten auch eigene Synagogen, so u.a. eine für die Berliner Kaufleute und eine andere für die Hamburger Kaufleute. Die Synagoge der seit 1728 Leipzig besuchenden Brodyer Kaufleute befand sich seit 1753 im Haus „Zum blauen Harnisch“ (heute zum Grundstück Brühl 71).

Im Jahr 1710 erhielt der von Hamburg kommende Gerd Levi (1659-1739) als erster Jude vom Landesherren die Genehmigung, sich mit seiner Familie und seinen Diener_innen in Leipzig niederzulassen. Sie unterstanden direkt dem Kurfürsten und genossen dessen Schutz. 1766 durften bereits sechs Familien und ca. zehn Einzelpersonen dauerhaft als sogenannte „Schutzjuden“ in Leipzig leben. Seit 1767 studierte Elkan Herz (1751-1816) als erster Jude an der Leipziger Universität. 1832 besaßen 140 Jüdinnen und Juden das Aufenthaltsrecht in Leipzig. Für das Jahr 1834 ist die Verwendung eines Gemeindesiegels belegt. Im Jahr 1838 erhielt Salomon Veith als erste Jude das Leipziger Bürgerrecht.

Am 23.04.1846 wurde mit der Bestätigung der Statuten durch das sächsische Kultusministerium die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig wieder offiziell begründet. Die Gemeinde gehörte von Anfang an zum liberalen Flügel des Reformjudentums, während die meisten der osteuropäischen „Messjuden“ streng orthodox waren.

Im Jahr 1925 gehörten der Israelitischen Gemeinde zu Leipzig 12.594 Mitglieder an, das waren 1,8% der Leipziger_innen. Damit hatte die Gemeinde, die inzwischen die sechstgrößte in Deutschland war, den Höhepunkt ihres Wachstums erreicht. Es gab in Leipzig 13 Synagogen und vier Bethäuser. In den Folgejahren, noch vor 1933, sank die Zahl der Mitglieder wieder. Im Sommer 1933 waren es noch 11.500.

Als am 19.04.1945 die US-amerikanische Armee in Leipzig eintraf, lebten hier noch 15 Jüdinnen und Juden. Hinzu kamen etwas später weitere 169, die aus dem KZ Theresienstadt befreit werden konnten.

Am 16.01.1953 flüchtete der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig Salo Looser nach Westberlin, um der drohenden Verhaftung im Zusammenhang mit dem Slansky-Prozess zu entgehen.

Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig waren u.a.:

  • 1898-1915 Salomon Magnus *1836 † 1915
  • 1915-1922 Abraham Adler *1850 † 1922
  • 1967-1988 Eugen Gollomb *1917 † 1988
  • 1988-2000 Aron Adlerstein *1913 † 2000
  • 2000-2004 Rolf Isaacsohn *1933
  • seit 2004 Küf Kaufmann *1947

Leipzig während der NS-Zeit

Schenkung von Thorarolle an IRG Leipzig
Schenkung von Thorarolle an IRG Leipzig, 2009 © Foto: Silvia Hauptmann

Mit dem 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübernahme Hitlers, begann auch in Leipzig der massive Kampf gegen Andersdenkende. Unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers rief die KPD zum Generalstreik auf, leider vergeblich. So wurde bereits am 8. Februar 1933 das Franz-Mehring-Haus, der ehemalige Sitz der KPD, von den Nationalsozialisten durchsucht.
Am 15. Februar 1933 fand der erste Propagandamarsch der NSDAP in Leipzig statt. Bei den Bezirkswahlen zwei Tage zuvor hatte die SPD mit 10 Mandaten und die KPD mit 8 Mandaten gegenüber der NSDAP mit 4 von insgesamt 31 Mandaten die Mehrheit der Stimmen bekommen. Schon aus diesem Ereignis wird deutlich, dass es die Nationalsozialisten schwer hatten, in Leipzig Boden zu gewinnen. Die Anhänger_innen der Nationalsozialisten wurden öfter von Arbeiter_innen angegriffen.
Am 19.02.1933 kam es zu einer ersten großen Demonstration von Kommunist_innen, Sozialdemokrat_innen, Gewerkschaften, Jungkommunist_innen und Jungsozialist_innen gegen die Regierung. Als Reaktion darauf wurden ab dem 22. Februar 1933 alle KPD-Veranstaltungen verboten. Am 23. Februar 1933 wurde in Leipzig-Plagwitz der Sozialdemokrat Walter Heinze ermordet.

Seit dem Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 fand Hitler Möglichkeiten, die demokratischen Freiheiten einzuschränken. Am 28. Februar 1933 wurden die politischen Grundrechte verabschiedet. In Notsituationen konnten somit die Grundrechte durch den Reichskanzler außer Kraft gesetzt werden.
Der Prozess zum Reichstagsbrand begann am 21. September 1933 in Leipzig. Die Stadt war für die Zeit dieses Prozesses im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Der Angeklagte Georgi Dimitroff konnte auf spektakuläre Art seine Unschuld beweisen. Nach fast einem Vierteljahr zermürbenden Prozesses wurde Dimitroff im Dezember 1933 freigesprochen.

Bereits im März 1933 erfolgte in Leipzig eine große Verhaftungswelle, bei der vorwiegend Kommunist_innen ins Polizeigefängnis oder in die Folteranstalten der SA-Quartiere gebracht wurden. In den Tagen danach folgten Hausdurchsuchungen, Großrazzien und weitere Verhaftungen – unter ihnen waren die führenden Köpfe der KPD.

Nicht nur in Leipzig, sondern in ganz Sachsen wurden Betriebswahlen verboten. Trotzdem erreichte die NSDAP am 5. März 1933 nicht die angestrebte Mehrheit. Sie erhielt zwar 189.000 Stimmen und das machte etwa 37% der Gesamtstimmen aus, doch durch einen Zusammenschluss von SPD (157000 Stimmen und 31,7%) und KPD (92000 Stimmen und 18,8%) konnte ein nationalsozialistisches Stadtparlament in Leipzig nicht zustande kommen.

Am 1. und 2. April 1933 wurden bei einem Judenboykott jüdische Betriebe beschmiert und blockiert. Ihre Inhaber_innen und auch Kund_innen wurden massiv bedroht. Es dauerte danach nicht lange und die ersten jüdischen Beamtinnen und Beamten mussten ihre Arbeitsposten aufgeben. Auch die Händler_innen am Brühl waren betroffen, obwohl sie durch die verschiedenen Pelze weltweit bekannt waren.

Seit April 1933 war Carl Goerdeler Oberbürgermeister von Leipzig. Seine anfänglich gute Zusammenarbeit mit der NSDAP hielt nicht lange an. Am 22. Juni 1933 erhielt neben der KPD auch die SPD ein offizielles Parteiverbot. 1934 wurde in der Stadt Leipzig das „Amt für Rassenkunde und Erbgesundheitspflege“ eingerichtet. In diesem Amt mussten alle Bürger_innen Leipzigs nachweisen, dass sie „arische“ Vorfahren hatten. Im Jahr 1935 veröffentlichten die Nationalsozialisten eine Liste, auf der alle „nicht arischen“ Ärztinnen verzeichnet waren. Jede einzeln betroffene Ärztin und jeder einzeln betroffene Arzt bekam in der Folge entweder den Vermerk „nicht zugelassen“ oder „noch zugelassen“.
Im gleichen Jahr, noch vor den Nürnberger Gesetzen, erhielten die Jüdinnen und Juden in Leipzig Bibliotheksverbote. Außerdem wurden die jüdischen Bürger_innen aus Hallen- und Freibädern ausgeschlossen und durften am kulturellen Leben Leipzigs nicht weiter teilnehmen.
Im Sommer 1936 wurde Goerdelers Amtszeit auf weitere 12 Jahre verlängert. Als aber während seiner Finnlandreise das Mendelssohn-Denkmal (er war Jude) entfernt wurde, nahm Goerdeler dies als Anlass zum Rücktritt als Oberbürgermeister am 1. April 1937.

Auch die Universität Leipzig musste einige Lehrkräfte entlassen, obwohl sie sich von Anfang an offiziell für die NS-Politik ausgesprochen hatte. So wurden bei einer sogenannten „Säuberung“ rund 30 Professuren entlassen. Auch einige Studierende mussten die Hochschule verlassen oder wurden von den Lehrveranstaltungen ausgeschlossen. Leipzigs Theater- und Opernschaffende mussten die Inhalte ihrer Werke der NS-Politik anpassen. Eine Polizeibehörde kontrollierte regelmäßig die Aufführungen. Am 20. August 1937 wurden von SAMännern über 350 Werke aus der Akademie der Künste beschlagnahmt. Im Jahr 1938 folgte eine Ausstellung im Rahmen der Propagandaaktion „Entartete Kunst“ im Grassimuseum. Viele Leipziger_innen empfanden diese Ausstellung als ein Abschiednehmen von der Weltkultur.

Entwicklung nach Kriegsende

Kinderpurim
Kinderpurim, 2005 © Foto: Silvia Hauptmann

In der Reichsprogromnacht, der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, wurden in Leipzig unter anderem Synagogen in der Gottschedstraße und in Apels Garten niedergebrannt. Betroffen war auch die Kapellhalle des jüdischen Friedhofs.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges lebten noch wenige Jüdinnen und Juden in Leipzig und gründeten die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig neu. Bald fanden sie Unterstützung durch zurückkehrende und neu zuziehende jüdische Überlebende, welche einem jüdischen Leipzig wieder Leben einhauchten. Im Jahre 1949 zählte die Gemeinde 340 Personen.

Doch Politik und Missbilligung jüdischer Bürger_innen durch die SED sollten der Erholung jüdischen Lebens in Leipzig erneut im Wege stehen. Infolge einer antizionistischen und antisemitischen Kampagne im Jahre 1952 verließen viele jüdische Leipziger_innen die Stadt. „In den folgenden drei Jahrzehnten erhielt die kleine Jüdische Gemeinde von staatlichen Stellen zwar materielle Unterstützung, sie kam aber in der politischen Kultur und Öffentlichkeit der DDR fast nicht mehr vor. Die Jüdische Gemeinde in Leipzig war zuletzt überaltert und eine schleichende Auflösung war zu befürchten.“

Entwicklung seit 1990

Chanukka im Ariowitschhaus
Chanukka im Ariowitschhaus, 2011 © Foto: Silvia Hauptmann

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten kamen die ersten Jüdinnen und Juden aus Osteuropa nach Leipzig. Die politischen Neuordnungen nach dem Zerfall der Sowjetunion ermöglichte es jüdischen Ausreisewilligen nach Deutschland einzureisen und mit ihrem Glauben vereint ein neues Leben zu beginnen. Dies hatte unter der zunehmenden Diskriminierung und Verfolgung jüdischer Glaubensgemeinschaften in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion massive Einschränkungen erlitten. Diese Neuanfänge schürten die Hoffnung, die jüdischen Gemeinden in Deutschland wieder aufzubauen und jüdische Traditionen wiederbeleben zu können.
In Leipzig fand die Jüdische Gemeinde hierzu seit dem Beginn neuer politischer Verhältnisse aktive Unterstützung durch die Stadtverwaltung. Auf unterschiedlichen Ebenen wurde begonnen den Opfern des Nationalsozialismus zu gedenken und Geschichte und Kultur des Judentums den Menschen nahe zubringen:
Veranstaltungshöhepunkte wie die „Jüdische Woche“, die seit 1995 im Zweijahrestakt stattfindet, wirken in die Stadt hinein. Jüdische Kunst und Kultur sowie Veranstaltungen zu Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens in Leipzig finden für diese eine Woche große Aufmerksamkeit.
An jenem Ort in der Gottschedstraße, an dem die Hauptsynagoge gestanden hatte, die im November 1938 während der „Reichsprogromnacht“ zerstört worden war, wurde im Jahre 2001 das Synagogen Mahnmal eingeweiht. Bronzene Stühle und Worte erinnern an jene, die einst in der Synagoge gesessen hatten.
Einen wichtigen Teil zur Lehre und Verbreitung jüdischen Wissens trägt seit 2005 das ToraZentrum Leipzig bei. Seit dem Jahre 2006 wird dem Leipziger Nachwuchs die Möglicheit geboten, in einem jüdischen Kindergarten Hand in Hand mit jüdischer Kultur und Tradition aufzuwachsen.
Ein besonderes Ereignis für die Begegnung jüdischen und nicht-jüdischen Lebens in Leipzig stellte die Eröffnung des Kultur- und Begegnungszentrums „Ariowitsch-Haus“ im Mai 2009 dar, das mit seinem Programm aus jüdischer Kunst und Kultur ganz neue Dimensionen zu einem fröhlichen Miteinander ermöglicht.

Heute zählt die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig etwa 1300 Mitglieder.

*Quelle:
Steffen Held: „Juden in Leipzig. Ein geschichtlicher Überblick von Steffen Held.“,
In: www.juedischesleipzig.de/deutsch/index.php, letzter Abruf: 2. März 2013.

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